Tag 2: erste Probleme

Unser Wecker klingelt. Es ist halb fünf Uhr morgens am 27.Dezember 2019. Ich (Ilka) muss Remo wecken, denn unsere Reise heute wird lang und wir müssen an zwei Punkten pünktlich ankommen. Nach zehn Minuten raffen wir uns auf und stehen um kurz vor Fünf mit wieder gepackten Koffern vor der Rezeption des Hotel Lindtner. Der Angestellte nimmt unseren Zimmerschlüssel entgegen und checkt uns aus. Zusätzlich kriegen wir unsere bestellten Cappuccinos die wir am Vorabend gemeinsam mit dem Lunchpaket bestellen konnten. Team 3 steht ebenfalls schon an der Rezeption und trinkt Kaffee. Peer Haupt, unser Organisator ist auch bereits auf den Beinen und bespricht mit uns, wie wir am Besten fahren.

Kurz nach dem wir mit dem Kaffee fertig sind, fahren wir um halb sechs gemeinsam mit Team 3 in Richtung Lübeck und weiter nach Puttgarden los. Remo fährt zuerst und Ilka schläft noch eine Runde, weil sie noch müde vom Vorabend und nicht unbedingt wach ist. Daher habe ich leider nichts von der Fahrt mitbekommen, aber Remo hat mir erzählt, dass er super hinter einem Laster im Windschatten fahren kann (machen wir, um Strom, d.h. Reichweite zu sparen). Er bleibt an dem Laster dran bis zum Hafen, wo wir auf die Fähre nach Dänemark gehen. Vor der Abfahrt gehen wir nochmal zu einer Ladestation (direkt am Meer, neben der Fähre am Quai) und laden unser Auto auf 66% gratis auf. Um 08:40 Uhr geht es auf die Fähre. Was dabei der ganzen Gruppe aufgefallen ist, dass die Crew, die uns in die Reihen weist, nicht gerade die Motivierteste ist… Remo und ich haben beim einreihen einen kleinen VW-Bus vor uns, der Flügeltüren am Heck hat. Sprich, wir lassen ein bisschen mehr Platz (zirka einen Meter), dass sie alles ausladen können, was sie brauchen. Anschliessend wollen wir dann aufschliessen, doch bevor das überhaupt passieren kann, steht ein extrem unfreundlicher Mitarbeiter bei uns und sagt ziemlich arrogant: „Ihr habt so ein kurzes Auto und nutzt den Platz nicht?!? Schliesst gefälligst auf!“

Ich bin ziemlich entsetzt und möchte erst motzen, denn das geht unserer Meinung nach gar nicht! Wir sind zahlende Passagiere und werden dermassen angemotzt wegen nichts?

Egal, wir schliessen unser Auto ab und gehen aufs Deck hoch. Oben angekommen treffen wir nach ein paar Minuten auf den Rest der Gruppe und zum ersten Mal während unserer Reise, auf die zwei süssen Hunde des Teams „Underdogs“. Selbsterklärend, warum sie heissen oder?

Die beiden Hunde riechen jedenfalls, dass Remo und ich noch unser Frühstückspaket dabei haben und sind sehr interessiert 🙂

Ich frage Markus (den Besitzer), wenn er was haben will, was die Hunde essen dürfen. Er erklärt mir, dass das Männchen Milch sehr gerne mag. Also frage ich, ob Simeon (Name des Hundes) den Deckel meines Actimels abschlecken darf. Er gibt mir die Erlaubnis und nach dem Spannen des Deckels spüre ich nur noch eine nasse, warme Hundezunge an meinen Fingern. Lecker! Egal, diese zwei Hunde sind so süss, bei denen akzeptiere ich das.

In Dänemark angekommen, suchen wir uns erstmal eine Ionity-Ladestation (CCS-Ladenetzwerk mit Pauschalpreis, ziemlich günstig). Bis dorthin, verlieren wir schon unsere ersten Teilnehmer. Team 4 sitzt mir nur noch 11% und zirka 22Km Reichweite in der Batterie am Hafen der Ankunft fest. Wir anderen sind bereits unterwegs weiter, weil wir einen fixen Zeitpunkt bei einer nächsten Fähre zu erreichen haben. An der Ionity-Station angekommen, treffen wir fast alle wieder an. Remo und ich erreichen die Station sogar noch vor dem Mercedes EQC (Peer und Jann Haupt, Organisator und Support), der einiges mehr an Reichweite hat als wir. Nach drei Fehlversuchen unser Auto zu laden, kontaktiert Remo den Support der Ionity-Ladestation und schafft es vorerst, sie zum Laufen zu bringen. Leider bricht sie nach zirka 40 Minuten Laden ab…Wir beschliessen weiter zu fahren nach Helsingör. Ohne Probleme fährt Ilka weiter. Gemeinsam amüsieren wir uns über die lustigen Ortsnamen. Weil wir alle hinter dem Zeitplan liegen, schafft Peer es, die organisierte Führung auf der nächsten Fähre, eine Stunde nach hinten zu verschieben. Um 14:40 Uhr haben wir eine Führung auf dem Fährschiff „Aurora“, welches Batterie angetrieben ist (das erste Weltweit). Da die Fahrt von Helsingör nach Helsingborg nur 20 Minuten, die Führung jedoch 60 Minuten geht, dürfen wir in Helsingborg unsere Autos schnell am Ufer parkieren. Wir sind inzwischen wieder die komplette Gruppe (abgesehen von Team 4) und parkieren alle gemeinsam direkt nach der Fähre. Anschliessend geht es zurück aufs Schiff. Der Vortrag geht weiter und wir sind bald wieder in Helsingör. Während dieser Zeit geht die Sonne erstaunlich schnell unter. Es ist 15:30 Uhr und die Sonne ist fast komplett untergegangen. Eindrücklich, wie schnell das im Norden geht.

Auf der letzten Fahrt zurück nach Helsingborg dürfen wir uns auf dem Dach des Schiffs die Batterien in einem der 4 Container anschauen und sogar auf die Brücke zum Kapitän. Es ist sehr eindrücklich zu sehen, was alles gemacht wird, während der Schiffsfahrt. Leider muss das Schiff heute mit Diesel fahren, weil die ABB, welche noch in den Weihnachtsferien ist, erst noch prüfen muss, dass die Batterien das machen, was sie sollen (es gab ein paar Tage zuvor ein Problem). Das ist für uns aber ein Vorteil, sonst hätten wir die Batterien aus Sicherheitsgründen niemals anschauen dürfen.

In Helsingborg angekommen fahren alle weiter. Ausser wir, wir müssen im Hafen noch laden, weil wir durch unsere Anfahrt zur Fähre ziemlich an Reichweite verloren haben. Also stecken wir den Lader ein. Wir staunen nicht schlecht, weil wir 1.3 CHF pro gelieferter kwh bezahlen, das entspricht etwa 40-60 CHF (also Benzinpreis). Das ist schon ziemlich teuer…für einen Elektroauto-Fahrer.

In der Zwischenzeit sehen wir, via Whatsapp Livestandort, dass Dave und Moritz (Team 4) inzwischen in Helsingör angekommen sind und auf ihre Fähre warten. Wir haben wieder genug Batterie, um weiter zu fahren, also warten wir nicht auf sie, da wir grundsätzlich das schlechteste Auto haben. Bis zur nächsten Ladestation haben wir uns leider einmal verfahren (zum Glück nicht allzu weit) weil die Schilder in Schweden komisch und kurzfristig angeschrieben sind. Ausserdem ist es inzwischen Dunkel und wir sehen nicht mehr alles genau. An der nächsten Ladestation trifft endlich das Team 4 bei uns ein und quetscht uns für ein bisschen Filmmaterial für Dave’s YouTube-Video über unser Auto und unsere Fahrweise aus. Die beiden sind sehr beeindruckt, als sie merken, dass wir permanent ohne Heizung und dick eingepackt meistens versuchen hinter LKW’s zu fahren. Ja, du liest richtig. wir fahren ohne Heizung (bei Aussenemperaturen von 0° bis -5°C) in unserem Auto. Nur so kommen wir einigermassen weit. Lediglich die Sitzheizung darf laufen, denn das ist die einzige Möglichkeit uns irgendwie warm zu halten und wenig Strom für das zu verbrauchen. Kurz darauf fahren wir wieder weiter, weil wir hunger haben und die Ladesäule für Team 4 freigeben wollen.

Auf der Strecke zum nächsten Stopp, sehen wir zum ersten Mal das Warnschild, dass Elche auf der Fahrbahn sein können. Zudem ist es stockfinster auf der Autobahn, weil die nächste grosse Stadt, Kilometer weit weg liegt und sich die Lichtverschmutzung nicht so verbreitet wie bei uns in der Schweiz. Das ist extrem beeindruckend, wenn man dann am Himmel die Lichtspiegelung einer Grossstadt sieht und die Silhouette vom dunklen Wald. Nach einem kurzen Abendessen in einem „MAX“ (ähnlich wie Burger King) und einer ein bisschen preiswerteren Ladestation (0.9 CHF/kwh) fahren wir unsere zweitletzte Etappe.

Inzwischen ist es nach 21 Uhr und wir sind langsam müde. Auf der Autobahn fahren wir bereits seit zirka einer halben Stunde, da kommt ein LKW-Fahrer ziemlich nahe an uns ran. Ich (Ilka) lasse mich zurückfallen, dass er mich überholt und ich in seinem Windschatten fahren kann. Remo und ich stellen fest, dass der Fahrer das verstanden hat und uns ihm nachfahren lässt. Idealerweise steuert er Stockholm an und wir können 50KM! weiter fahren als geplant. Ich fahre ihm über eine Stunde lang und >100Km hinterher. Das ist grossartig, denn so können wir mit nur noch einmal, statt zweimal Zwischenladen bis zum Hotel gelangen. Die Freude ist etwa gleichwertig wie bei einem kleinen Kind das einen Hund streicheln oder ein Eis haben darf. Kurz vor meiner Ausfahrt blinke ich nach rechts und gebe ihm als „Danke schön“ eine kurze Lichthupe. Er hat es verstanden und mit einem kurzen Blinken nach rechts bestätigt. Sozusagen ein „Gern geschehen“ von ihm. Irgendwie enttäuscht, dass wir uns von ihm abkapseln mussten, fahren wir zur Ladestation. Rate mal, wen wir da getroffen haben.

Jap, nochmal das Team 4. Sie sind über eine halbe Stunde vor uns an der Station angekommen und haben gleichviel Ladung wie wir, weil die Ladestation bei ihnen nicht so funktioniert hat, wie sie sich das vorgestellt haben. Deshalb überlassen sie sie uns und wir können das letzte Mal am Tag einstecken. Inzwischen ist nach zwölf Uhr in der Nacht und wir sind durchgefroren wie Eiszapfen. Nachdem Team 4 weitergefahren ist, verkrümeln wir uns in das noch offene Lokal. Es stehen in einem grossen Esssaal zig Tische und Stühle. Demnach setzen wir uns, um wieder aufzutauen und uns aufzuwärmen. Kurz bevor unser Auto voll geladen ist steigen wir ins Auto und heizen volle Pulle, solange das Auto noch am Stecker hängt. Sobald es geheizt und voll geladen ist, fährt Remo weiter. Es ist mitten in der Nacht (zirka 01:30 Uhr) und er beginnt immer wieder auf den lauten Pannenstreifen (gerillter Pannenstreifen, der lärmt sobald man ihn befährt) zu schwanken. Das zeigt mir, dass ich handeln muss. Ich frage ihn, ob ich übernehmen soll und bitte ihn, auszufahren, dass wir tauschen können. Er fällt immer wieder fast in den Sekundenschlaf und ist ganz froh, dass wir jetzt Fahrerwechsel machen. Auf einem langen, recht geraden Ausfahrstreifen fährt er rechts ran, setzt den Warnblinker und wir tauschen unsere Plätze. Sobald wir uns beide eingerichtet haben, fahre ich weiter und er nickt ziemlich bald einmal ein. Die letzten 80Km ziehen sich wie am Tag davor nur so hin und ich merke selber, wie ich extrem an meine Grenzen komme und mich wach halten muss. Aus meiner Paranoia der Elch-Schilder, habe ich in meiner Müdigkeit tatsächlich halluziniert, dass ein Elch am Strassenrand steht. Ich erschrecke mich extrem, bis ich feststelle, dass es ein grau belichtetes Schild in Form eines Felsen ist. Der einzige Vorteil daran, jetzt bin ich wieder wach.

Es ist 02:3 Uhr und unser Hotel ist noch 10Km entfernt. Erschöpft und müde reisse ich mich zusammen, nicht einzuschlafen, denn mein kurzer Adrenalin-Kick, hält mich nicht lange bei Konzentration. In Norrköping angekommen, wacht Remo langsam wieder auf und lotst mich zum Hotel. Dort stellen wir fest, dass keine Ladestationen vor dem Hotel stehen und suchen auf Chargemap (APP mit Ladestationverzeichnis weltweit) eine freie Ladesäule. Direkt auf dem Bahnhofsparking, zirka 10 Minuten zu Fuss, finden wir eine, um langsam laden zu können. Wir fahren also dorthin und versuchen einzustecken. Leider funktioniert es nicht und wir denken uns einfach nur noch: „Scheiss drauf! Wir sind müde und müssen ins Bett.“

Also kehren wir um und parkieren ziemlich direkt vor dem Hotel President in Norrköping. Wir packen nur das Wichtigste aus dem Auto aus, checken ein und sind um 03:15 ENDLICH im Bett.

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